Startseite Alle ArtikelEditorialImpressum

Wenn morgens der Wecker klingelt, obwohl man das Haus nicht verlässt

- 19 Januar 2021

Es war der 13. März, ein Freitag, etwa 14:30 Uhr, als der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, verkündete, dass die Schulen mindestens fünf Wochen, bis zum Ende der Osterferien, geschlossen bleiben. Der Grund: Wir wissen es alle, nämlich die rasante Ausbreitung des Corona-Virus. Pläne wurden geschmiedet und die Gehirne der Schulleiterinnen und Schulleiter liefen auf Hochtouren. Die Landesregierung hatte sich anscheinend nie um die entsprechende Technik in den Schulen gekümmert, die Ausstattung war miserabel und Pläne waren nicht vorhanden. Mit Mühe konnte man in der Not noch all das bereitstellen, was möglich war, um die Kinder und Jugendlichen im Homeschooling ein wenig zu fordern und zu fördern. Nun, da fragt man sich: Wie läuft es jetzt, neun Monate später?

Der Wecker klingelt, es ist Montag, der 14. Dezember. Ich verlasse am heutigen Tag wohl keinmal das Haus, jedoch musste ich mir einen Wecker stellen und früh aufstehen. Ab heute finden Videokonferenzen statt, wir bekommen Aufgaben für ausfallende Stunden zugeschickt. Mindestens einmal in der Woche muss jede Lehrkraft eine solche über die „Microsoft“-Plattform „Teams“ einrichten. Alle Schülerinnen und Schüler müssen teilnehmen, der Unterricht soll so gewohnt wie möglich stattfinden. Die Lehrkraft kann Fragen stellen, die Schülerinnen können per Mausklick ihre Hand heben. Die Lehrkraft nimmt jemanden dran, diese Person gibt sein Mikrofon frei und kann dann vor der Klasse oder dem Kurs sprechen. Wirklich anders im Vergleich zum Präsenzunterricht ist das nicht …

Jedoch kann die Lehrkraft nicht sehen, was die Schülerinnen machen. Stichprobenartig kann sie dann – vorzugsweise bei den Jüngeren – eine Schülerin oder einen Schüler etwas fragen und schauen, ob sie oder er auch wirklich vor dem Laptop, PC oder Tablet sitzt oder etwas anderes tut. Manche Lehrkräfte wünschen, dass man die Kamera einschaltet, damit diese dann die arbeitenden Gesichter der Schülerinnen sehen können. So kann dann auch die Anwesenheit kontrolliert werden.

Die erste Unterrichtsstunde beginnt, der Lehrer erscheint auf dem Bildschirm, begrüßt uns und erklärt, wie der Unterricht verlaufen wird. Er erklärt uns das Thema, fragt, was wir darüber wissen, notiert in einer Datei, die wir sehen können, da er seinen Bildschirm teilt, was wir ihm gesagt haben. Als nächstes gibt er uns eine Aufgabe, die wir in einem gewissen Zeitraum bearbeiten sollen, und als wir uns nach dieser Zeit alle wieder virtuell treffen, notieren wir unsere Ergebnisse und besprechen sie.

Jede Stunde, jeden Tag wiederholt sich dieser oder ein ähnlicher Ablauf. Mal fallen Stunden aus, die Lernenden dürfen sich aber mit Aufgaben, die über eine besondere Funktion an die Lehrerinnen und Lehrer zurückgeschickt werden können, begnügen. Alles läuft nun nach „Plan“, die meisten halten sich an die Regeln. Man kann sich an das Neue gewöhnen. Die Lehrkräfte, die Schülerinnen, die Eltern. Die Verantwortlichen in der Regierung haben es geschafft, wenigstens ein bisschen Normalität in den Alltag aller Beteiligten zu bringen. Man kann etwas lernen, wenn man möchte. Man kann sich beteiligen, wenn man möchte.

Mein Fazit dieser Tage fällt unerwartet gut aus. Nein, ich kann sogar sagen, dass ich zufrieden bin und mich an solche Methoden anpassen und gewöhnen könnte. Jedoch ist klar, dass das Lernen per Homeschooling auch Lücken hinterlassen kann. Für Schüler*innen, die allgemein schlechter lernen können, wird es noch schwieriger. Und so viel Stoff, wie im Lehrplan vorgegeben wird, kann in Videokonferenzen und weiteren Aufgaben nicht behandelt werden. Außerdem sagen die Physik- und Chemielehrkräfte, dass der Unterricht, vor allem in den höheren Stufen, schwer zu gestalten ist, da die Inhalte und Ergebnisse der sonst geplanten Experimente nicht oder nur durch von den Lehrkräften zugeschickte Videos vermittelbar sind. Deshalb tendieren die meisten Beteiligten bei Betrachtung aller Argumente eher zum Präsenzunterricht, sofern dieser für alle sicher verlaufen kann.

Nun ist die Woche Homeschooling aber vorbei und die Weihnachtsferien beginnen. Es wird gehofft, dass die entscheidenden Zahlen sich so entwickeln, dass das neue Jahr mit Präsenzunterricht begonnen werden kann. Dass der Lockdown endet, die Geschäfte öffnen und ein Restaurantbesuch wieder möglich ist. Wird sich diese Hoffnung erfüllen?

Im neuen Jahr

„Nein“ ist leider meine Antwort. Es wird beschlossen, dass die Kinder und Jugendlichen aus Sicherheitsgründen weiterhin zu Hause bleiben. Die Lehrkräfte bereiten ihren Unterricht vor und erarbeiten langfristigere Konzepte. Das alles heißt: drei weitere Wochen Homeschooling, drei weitere Wochen Videokonferenzen, drei weitere Wochen klingelt bei mir morgens der Wecker, obwohl ich das Haus nicht verlasse …

Autor: Jonathan Klappholz